Nachhaltigkeitsbericht 2017

Im Gespräch mit Dr. Dirk Biermann

 

„Der Anteil der erneuerbaren Energien wird drastisch ansteigen.“

Dr. Dirk Biermann, Geschäftsführer Märkte und Systembetrieb

Was verstehen Sie unter nachhaltigem Wirtschaften?

— Dirk Biermann: Nachhaltiges Wirtschaften bedeutet für 50Hertz, die Energiewende zu ermöglichen und voranzutreiben. Dafür verstärken wir die Netze, bauen sie bedarfsgerecht aus und verpflichten uns, die Eingriffe in die Natur so gering wie möglich zu halten. Auch gewährleisten wir die Versorgungssicherheit durch die Instandhaltung unserer Netze. In allen Aspekten können wir als Unternehmen nur dann verantwortungsvoll und nachhaltig agieren, wenn wir mit unseren Stakeholdern eine gute Kommunikation pflegen und Verständnis aufbauen.

Wie wichtig ist hierbei die Kooperation?

— Dirk Biermann: In Deutschland betreiben wir das Netz mit drei weiteren Übertragungsnetzbetreibern. Gemeinsam tragen wir für einen stabilen Netzbetrieb Sorge und sichern die Stromversorgung rund um die Uhr. Das gelingt uns in guter Kooperation und enger Abstimmung unseres Handelns: So erstellen und überarbeiten wir alle zwei Jahre Netzentwicklungspläne, die den Netzausbau für die Anforderungen der Energiewende weiter optimieren. Gegenüber dem Strommarkt haben wir den Anspruch, so zu agieren, als gäbe es nur einen Übertragungsnetzbetreiber in Deutschland.

Auch der europäische Strommarkt wächst immer stärker zusammen und so sind viele unserer Prozesse grenzüberschreitend und Teil des europäischen Verbundsystems. Und gerade auch für den gemeinsamen Betrieb des europäischen Systems ist eine vertrauensvolle internationale Zusammenarbeit unabdingbar.

Mit der zunehmenden Einspeisung Erneuerbarer Energien in unsere Netze und der Dezentralisierung entstehen neue flexible Akteure, die gleichzeitig Erzeuger und Verbraucher sind. Sie sind in der Regel an die Verteilnetze angeschlossen. Deshalb sind die Verteilnetzbetreiber einer unserer wichtigsten Partner – unsere Kooperation mit ihnen werden wir deshalb weiter intensivieren.

Unsere großen Infrastrukturprojekte können wir nur erfolgreich umsetzen, wenn wir neben den Netzbetreibern auch Politik, Gesellschaft, Interessengruppen und Bürger in betroffenen Regionen frühzeitig in diese Vorhaben einbinden. Auch diesen Dialog haben wir im letzten Jahr professionalisiert und verstetigt.

Dr. Biermann weiß, Versorgungssicherheit und Markt müssen Hand in Hand gehen.

Im Projekt „WindNODE“ arbeiten Sie unter anderem eng mit Erzeugern, Verteilnetzbetreibern, Industrie, IT und Wissenschaft zusammen, um ein intelligentes Energiesystem für die Zukunft zu schaffen.

Dirk Biermann: WindNODE zeigt sehr eindrucksvoll, wie ernst wir unseren Dialog nehmen und wie intensiv wir ihn führen. Gemeinsam mit über 70 Partnern entwickeln wir neue dezentrale und nachhaltige Lösungen für die Energiewende. Ziel ist es, große Mengen Erneuerbarer Energien effizient ins Energiesystem zu integrieren und zugleich die Stromnetze stabil zu halten. WindNODE nutzt die Möglichkeiten der Digitalisierung, um das Energiesystem intelligent zu machen und um das vernetzte Agieren zahlreicher verschiedener Partner in einem dezentralen System zu ermöglichen. Dabei geht es um konkrete reale Anwendungen, die wir bis in den Praxistest entwickeln. Wir stellen sie als übertragbare Musterlösungen in ein großes vom Bundesministerium gefördertes „Schaufenster“*, um die Energiewende verständlich und erfahrbar zu machen und die erforderlichen Innovationen voranzutreiben.

50Hertz untersucht in einem Teilprojekt von WindNODE, wie kleinteilige Flexibilitäten sowohl auf Seiten der Erzeuger als auch der Verbraucher in das neue Energiesystem integriert werden können. Dafür entwickeln wir gemeinsam mit unseren Projektpartnern eine Flexibilitätsplattform, auf der diese dezentralen Flexibilitäten erfasst und effizient in die Prozesse zur Netzengpassbewirtschaftung eingebunden werden.

Wie kann man sich solche Flexibilitäten konkret vorstellen?

Dirk Biermann: Der Anteil der Erneuerbaren Energien wird drastisch ansteigen. Wir werden geschätzt gut 1,6 Millionen kleine Anlagen haben, die in das Stromnetz einspeisen. Wie können wir mit diesen dezentralen Erzeugern die Stromversorgung ebenso sicherstellen wie mit hundert Großkraftwerken zuvor? Das ist eine der Fragen, die wir uns stellen. Auch die Grenzen zwischen der Rolle des Energieerzeugers und Verbrauchers verschwimmen zunehmend. Der Stromkunde mit Photovoltaik-Anlage auf dem Dach, einem Batteriespeicher im Keller, einem intelligenten Energiemanagementsystem im Haus und dem Elektroauto vor der Tür wird bald Normalität sein. Dieser Kunde wird so flexibel sein wie nie zuvor.

Was bedeutet das?

Dirk Biermann: Über den Strommarkt müssen sehr viele kleine, sehr komplexe Akteure in die Netzinfrastruktur eingebunden und optimal koordiniert werden. Die Digitalisierung wird uns dabei helfen und wir werden sehen, dass die neue Energiewelt mindestens genauso gut funktioniert wie die bisherige und es keine Komforteinbußen geben wird.