Nachhaltigkeitsbericht 2017

Berlin auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt

Im Gespräch mit Boris Schucht und Thomas Schäfer

Die Stadt Berlin hat sich vorgenommen, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu werden. Thomas Schäfer, Vorsitzender der Geschäftsführung von Stromnetz Berlin, und Boris Schucht, Vorsitzender der Geschäftsführung von 50Hertz, bekennen sich zu diesem Ziel. Für beide ist klar: Stromnetz Berlin und 50Hertz werden ihre Rollen dafür neu definieren, Prozesse neu gestalten und aufeinander abstimmen müssen. Und beide bekennen: Auf dem Weg zu einer erfolgreichen Energiewende werden sie künftig noch enger und partnerschaftlicher als bisher zusammenarbeiten.

In fünf kurzen Videos sprechen Boris Schucht und Thomas Schäfer über die Chancen und Herausforderungen auf dem Weg Berlins zur klimaneutralen Stadt. Ihre zentralen Themen: Das Stromnetz der Zukunft, Sektorkopplung und die dezentrale Energiewende sowie die zukünftige Zusammenarbeit in der neuen Energiewelt.

Das Interview zum Nachlesen

Berlin hat sein Klimaziel hoch gesteckt. Wie können wir dieses Ziel erreichen und welche Herausforderungen kommen auf uns zu?

— Thomas Schäfer: Klimaneutrale Stadt 2050, das klingt noch weit entfernt. Aber es ist ein Thema mit dem wir uns schon heute beschäftigen. Es ist machbar. Für Berlin als Metropole bedeutet dies zu 20 Prozent Stromwende und zu 80 Prozent Wärmewende. Die Kunst wird es sein, die vielen Erneuerbaren Energien in die Stadt zu integrieren.

— Boris Schucht: Der Klimawandel ist selbstverständlich keine Frage, die eine Stadt wie Berlin alleine lösen kann. Es ist eine globale Herausforderung in der jede Nation, jede Region und somit jede Stadt ihren Beitrag leisten muss. Ein ganz wichtiger Aspekt, um den Klimawandel erfolgreich zu bekämpfen, da hat Thomas Schäfer völlig recht, ist die Integration der Erneuerbaren Energien in das gesamte Stromsystem. Dafür müssen wir eine andere Infrastruktur schaffen, als wir sie heute haben. Eine, die den Strom von den Erneuerbaren-Energien-Regionen in die Verbraucherzentren transportieren kann. Wir sehen aber auch, dass wir die Klimaziele im Energiebereich relativ gut erreichen können. In anderen Sektoren wie beispielsweise Mobilität und Wärme tun wir uns viel schwerer. Es kommen immense Herausforderungen auf die großen Städte zu – verbunden mit der Frage: Welche Beiträge können in diesen beiden Sektoren in den großen Städten erreicht werden? Konkret: Wieviel CO2-Einsparungen können auf der Mobilitätsseite realisiert werden und wie können wir Erneuerbare Energien in die Wärmeversorgung hineinbringen? Das Ganze läuft unter dem Stichwort „Sektorkopplung“.

Wenn über Sektorkopplung gesprochen wird, wird immer wieder Power-to-X genannt. Haben diese Technologien in Berlin Chancen?

— Boris Schucht: Wir werden schon in den nächsten Jahren im Norden Deutschlands häufiger Tage und Stunden haben, zu denen wir mehr Erneuerbare Energien zur Verfügung haben, als wir nutzen und abtransportieren können. Wir folgen inzwischen dem Prinzip „Nutzen statt Abregeln“. Das heißt, dass wir zum Beispiel aus diesem Strom auch Wärme produzieren können. Berlin ist mit seinem großen Wärmemarkt ein sehr interessanter Ort, um die Entwicklung von Power-to-Heat-Lösungen voranzutreiben. Wir glauben, dass dies eines der wichtigen Instrumente sein wird, um in Zukunft mehr Erneuerbare Energien in die Fernwärmenetze – und so in die urbanen Zentren – zu integrieren.

Boris Schucht
Vorsitzender der Geschäftsführung von 50Hertz

Bei der Sektorkopplung spielt auch Elektromobilität eine große Rolle. Ist unser Stromnetz überhaupt für einen 100-Prozent-Anteil Elektromobilität gemacht?

— Thomas Schäfer: Das Stromnetz absolut gesehen ist heute nicht dafür ausgerichtet, den Individualverkehr auf 100 Prozent Elektromobilität umzustellen. Das ist genau die Herausforderung der Zukunft: Unser gesamtes Stromnetz und den Individualverkehr so zu entwickeln, dass diese Integration gelingt. Was wir heute schon wissen, ist, dass wir in Berlin bereit sind, die ersten 250.000 Elektrofahrzeuge in unser Verteilungsnetz aufnehmen, ohne dass wir an der Struktur im Wesentlichen etwas verändern müssen. Wir sind also bereit für die Elektromobilität. Inwieweit wir jedoch eine 100-prozentige Elektrifizierung des Verkehrs erreichen, wird sich zunächst gesellschaftlich entwickeln müssen. Das ist das Spannende in dieser Umbruchsituation. Es wird sich nicht nur ein Parameter verändern – sondern die Welt insgesamt verändert sich. Und darauf müssen wir vorbereitet sein.

— Boris Schucht: Klar ist, dass in einer batteriebasierten Elektromobilitätswelt darauf geachtet werden muss, dass neben dem geplanten kein unnötiger Netzausbau entsteht und wir die vorhandenen Infrastrukturen optimal nutzen. In den Übertragungsnetzen gibt es für die Elektromobilität keine Einschränkung und wir können einen hohen Anteil problemlos darstellen.

Was bedeutet das für die Stromnetze der Zukunft?

— Boris Schucht: Die Energiewende bedeutet einen Umbruch im Energiesystem. In der Vergangenheit waren in Deutschland wenige hundert Kraftwerke in der Nähe der Verbrauchszentren an die Höchstspannungsebene angeschlossen. Heute haben wir bereits über 1,7 Millionen dezentrale Installationen – und das wird noch mehr werden. Ein viel höherer Anteil der Steuerung wird dezentral aus den Mittel- und Niederspannungsnetzen erfolgen müssen. Auf der anderen Seite gibt es den übergeordneten Transport- und Koordinationsbedarf auf der europäischen Ebene.

Thomas Schäfer
Vorsitzender der Geschäftsführung von Stromnetz Berlin

Welche Herausforderungen sehen Sie in der Dezentralisierung der Stromerzeugung?

— Thomas Schäfer: Wir sehen die Herausforderungen schon heute im Berliner Verteilungsnetz. Wir haben mehr als 1.500 Blockheizkraftwerke oder Mikrokraftwerke und dazu rund 6.000 Photovoltaik-Anlagen in unser Netz integriert. Wir sehen, dass die Berliner Kunden für Neues sehr offen sind – zum Beispiel bilden wir auf Basis des Mieterstromgesetzes mehr als 270 Mieterstromprojekte ab. Das ist in Deutschland bislang einmalig. Wir lernen kontinuierlich, welche Auswirkung diese Veränderung auf die Qualität der Versorgung im Niederspannungsnetz hat. Deshalb haben wir begonnen, das Niederspannungsnetz in unserer zentralen Netzführung sichtbar zu machen. Das ist ein epochaler Wechsel. Wir müssen Technik einbauen und Prozesse aufbauen, um eine neue Niederspannungsnetzführung aufzubauen. Dabei steht nicht nur die Netzführung im Fokus; vielmehr müssen wir eine neue Art der Kommunikation mit unseren Kunden aufbauen. Das ist genau der Weg in die Energiewende.

— Boris Schucht: Wir sehen den Effekt, dass immer mehr Haushalte eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach und dazu noch eine Batterie im Keller haben. Damit folgen Sie keinem statistischen Modell mehr, wie sich ein Endkunde verhalten sollte. Daraus entstehen mehrere Fragen: Für den Verteilnetzbetreiber ist es wichtig zu sehen, was gerade konkret geschieht und wie das Verteilnetz in dieser Sekunde belastet wird. Lädt der Endkunde gerade seine Batterie oder entlädt er sie? Vielleicht lädt er gleichzeitig noch ein Elektrofahrzeug? Das sind Fragen, mit denen wir uns in Zukunft gemeinsam auseinandersetzen müssen. Wir müssen mit der Menge der möglichen Daten, die wir zukünftig aus den Übertragungsund Verteilnetzen bekommen, sinnvoll umgehen können. Dazu bedarf es deutlich intelligenterer Netze, sowohl in den Übertragungs- als auch in den Verteilnetzen.

Welche Rolle werden Netzbetreiber künftig haben?

— Thomas Schäfer: Die zukünftigen Netze werden interessanter und auch intelligenter, je geringer die Spannungsebene ist. Das ist ein völlig neuer Trend. Die Energiewende findet in den Städten und auf der Fläche in den Mittel- und Niederspannungsnetzen statt. Aber sie funktioniert nur, wenn wir starke Hoch- und Höchstspannungsnetze haben. Die Veränderung allerdings sichtbar machen, steuern und intelligent eingreifen, das Zusammenspiel zwischen den Kunden, die an das Netz angeschlossen sind, und dem elektrischen System – das alles findet in den Mittel- und Niederspannungsnetzen statt. Deshalb muss sich zukünftig die Rolle, die Übertragungsnetzbetreiber in der Systemführung und Verteilungsnetzbetreiber in der Netzführung übernehmen, dramatisch ändern.

Wie wird diese Zusammenarbeit zukünftig aussehen?

— Thomas Schäfer: Traditionell arbeiten wir genau an der Schnittstelle zwischen Übertragungs- und Verteilungsnetz zusammen. Das haben unsere Kollegen die letzten 40 Jahre schon so gemacht. Wir überlegen jetzt, welchen Herausforderungen wir uns auf der Ebene der Verteilungsnetze stellen müssen und was das für die Zusammenarbeit mit den Übertragungsnetzen bedeutet. Das ist Neuland. Stromnetz Berlin ist für die Steuerung des Verteilungsnetzes verantwortlich und sieht die Steuerungs- und Anpassungsbedarfe im Berliner Mittel- und Niederspannungsnetz direkt im Zusammenspiel mit den Kunden. Wir sind noch am Anfang des Weges und müssen herausfinden, was dies konkret bedeutet. Und wir müssen gemeinsam mit 50Hertz herausfinden, wie diese zukünftigen Prozesse gestaltet werden können.

— Boris Schucht: Dem kann ich nur zustimmen. Die Verteilnetzbetreiber werden neue Aufgaben darin bekommen und das Zusammenspiel wird komplexer. Das wird nur gelingen, wenn beide Seiten sehr eng zusammenarbeiten. Ich möchte ein für die Energiewirtschaft wegweisendes Projekt hervorheben, das wir gemeinsam vorantreiben: In unserem SINTEG*-Projekt WindNODE versuchen wir gemeinsam Lösungswege für die Energiewirtschaft der Zukunft zu entwickeln. Im Zusammenspiel von mittlerweile mehr als 70 Projektpartnern, darunter verschiedenste Verteilnetzbetreiber sowie Anlagenbauer und Kunden, werden wir verschiedene Szenarien ausprobieren. Wie gehen wir mit einem lokalen Engpass um und wie beherrschen wir ihn? Welche Steuerungsmöglichkeiten gibt es und wie organisieren wir die Steuerung im Detail? Ziel ist es, durch eine intelligente Steuerung Stromausfälle und auch einen unnötigen Netzausbau zu vermeiden. Wir merken, dass wir in diesen Bereichen aufeinander angewiesen sind. Auch wenn es manchmal unterschiedliche Interessen gibt, wer welche Rolle an welcher Stelle einnimmt. Am Ende sind wir gemeinsam dem Ziel verhaftet, dass wir die besten und kostengünstigsten Lösungen für die Gesellschaft finden – um eine günstige und sichere Stromversorgung für die Netzkunden gewährleisten zu können.

Mehr zu WindNODE auch unter „Kooperationen und Netzwerke“.