Nachhaltigkeitsbericht 2017

Im Gespräch mit Dr. Frank Golletz

 

„Nachhaltigkeit hat für 50Hertz technische Aspekte.“

Dr. Frank Golletz, Technischer Geschäftsführer

50Hertz muss sein Übertragungsnetz für die Energiewende ausbauen und will dabei so wenig wie möglich in Natur und Umwelt eingreifen. Wie passt das zusammen?

— Frank Golletz: 50Hertz ist in erster Linie ein technisches Unternehmen. Aber die Technik muss nachhaltig im Einklang mit Natur und Umwelt sein. Das ist uns wichtig. Wir haben von Politik und Gesellschaft den Auftrag, mit unserem Übertragungsnetz die Energiewende zu ermöglichen. Dazu müssen wir unsere Transportkapazitäten erhöhen. Dies geschieht zum einen durch das Optimieren und Verstärken der bestehenden Anlagen und zum anderen durch das Erweitern des Netzes. Dies geschieht so behutsam wie möglich mit dem Ziel der minimalen Beeinflussung von Natur und Umwelt.

Wie müssen wir uns das vorstellen?

— Frank Golletz: Wir verfügen über einen umfangreichen Werkzeugkasten mit branchenüblichen sowie neuen, innovativen Technologien. So steuern wir beispielsweise mittels sogenannter Phasenschieber – auch Querregeltransformatoren genannt – den Stromfluss in unseren Netzen. Damit kann die gleichmäßigere Auslastung unseres bestehenden Netzes gesteuert und Strom von hochbelasteten Leitungen auf weniger belastete Leitungen umgelenkt werden, das Bestandsnetz also optimaler ausgenutzt werden. Unser Werkzeugkasten beinhaltet auch, Strom mit höherer Spannung zu transportieren. Dadurch kann über vorhandene Korridore mehr Elektroenergie transportiert werden. In Sachsen-Anhalt errichten wir gerade eine Pilotleitung, die es erlauben soll in dem Korridor einer 220-Kilovolt-Leitung eine 380-Kilovolt-Leitung unterzubringen, ohne zusätzliche Rauminanspruchnahme. Nicht zuletzt: Wir bauen neue Leitungen vorausschauend. Ein Beispiel ist die öffentlich stark diskutierte Südwest-Kuppelleitung durch den Naturpark Thüringer Wald. Wir haben diese vergleichbar einer vierspurigen Autobahn ausgelegt. Derzeit sind quasi zwei Spuren freigegeben. Erhöht sich der Transportbedarf in den Süden Deutschlands weiter, erweitern wir die Südwest-Kuppelleitung ohne weiteren Eingriff in die Natur auf vier Spuren. Wir versehen dann die bestehenden Masten lediglich mit zusätzlichen Seilen.

Kennt sein Netz wie seine Westentasche:
Dr. Frank Golletz, Technischer Geschäftsführer

Das klingt nach flexiblen Ansätzen beim Leitungsbau. Aber wie sieht es denn bei den Umspannwerken aus: Wie innovativ sind Sie bei der technischen Weiterentwicklung Ihrer Schaltanlagen?

— Frank Golletz: Wir suchen aktuell intensiv nach einem Ersatz für das Isoliergas Schwefelhexafluorid (SF6). Es wird wegen seiner guten Isolier-Eigenschaften seit etwa 40 Jahren in Höchst- und Hochspannungsschaltanlagen eingesetzt. SF6-isolierte Schaltanlagen sind kompakt, benötigen wenig Platz und sind vor allem in Städten unabkömmlich. Nachteil: Das Gas ist klimaschädlich, es erhöht den Treibhauseffekt. Ein Ersatzgas muss bei gleichen Isolier-Eigenschaften also viel klimafreundlicher sein. 2019 wollen wir eine Testschaltanlage für ein solches Gas in Berlin als Pilot in Betrieb nehmen und erproben.

Sie wirtschaften also nachhaltig und umweltschonend. Eingriffe lassen sich aber nun einmal nicht ganz vermeiden. Was tun Sie in solchen Fällen?

— Frank Golletz: Wenn wir in die Natur eingreifen müssen, dann tun wir das so behutsam wie möglich. Und diese Eingriffe sind natürlich immer zu kompensieren. Um die richtigen Lösungen zu finden brauchen wir die Unterstützung der Betroffenen vor Ort. Wir kennen die beste technische Lösung, die Betroffenen am besten die Örtlichkeiten mit ihren Besonderheiten. Dieses Wissen so zusammenzubringen, dass eine für alle akzeptable Lösung entsteht, ist unser Anspruch. Dazu suchen wir schon frühzeitig den Kontakt vor Ort, schicken z. B. unser DialogMobil auf Reisen und nehmen die Hinweise der betroffenen Bürger, aber auch der Naturschutzverbände in unsere Planungen mit auf. Daraus ergeben sich schließlich eine Vielzahl von Maßnahmen: vom Rückbau von Altgebäuden und Bodenentsiegelung über Ausgleichspflanzungen sowie Vogel- und Amphibienschutz bis hin zur Wiederherstellung ganzer Kulturlandschaften. Wir agieren zu jederzeit mit Rücksicht auf Natur, Umwelt und auf die Menschen.