Nachhaltigkeitsbericht

"Netzausbau wirkt"

Dr. Frank Golletz und Boris Schucht im Gespräch

Boris Schucht, Sie blicken auf Ihr letztes gesamtes Jahr als Vorsitzender der Geschäftsführung von 50Hertz zurück. Wie lief es?

— Boris Schucht: Das Jahr 2018 war ein bewegtes, aber ein erfolgreiches Jahr für 50Hertz. Es ist uns bei vielen Netzausbauprojekten gelungen, einen großen Schritt voranzukommen. Besonders froh bin ich, dass wir bei den Offshore-Anbindungen wieder einmal gezeigt haben: Wir können die Anforderungen der Gesellschaft erfüllen und einen zentralen Beitrag für eine erfolgreiche Energiewende leisten. So gebe ich mit ein wenig Stolz und vor allem mit einem sehr guten Gefühl den Staffelstab weiter an meinen Kollegen Frank Golletz, der 50Hertz seit März 2019 als CEO führt. Ich bin überzeugt, er steuert das Unternehmen sicher.

— Dr. Frank Golletz: Das Vertrauen ehrt mich und ist mir Ansporn zugleich, unseren erfolgreichen Weg fortzusetzen. Das Erreichte der vergangenen Jahre ist dafür eine hervorragende Grundlage – und dient als Fundament, um den Kurs zu halten und uns an der ein oder anderen Stelle weiter zu verbessern.

Wie erfolgreich war 2018 aus kaufmännischer Sicht?

— Schucht: Wirtschaftlich liegt ein hervorragendes Jahr hinter uns. Unser Ergebnis ist zwar durch die Auflösung einer Rückstellung von einem Einmaleffekt geprägt, aber auch wenn man das aus der Betrachtung herauslässt, haben wir sehr erfolgreich gewirtschaftet. Noch wichtiger ist jedoch, dass im Jahr 2018 die Basis für den Regulierungsrahmen der kommenden fünf Jahre gelegt wurde.

Der Netzausbau, insbesondere auf See, geht voran, sagt Boris Schucht. Welche konkreten Erfolge gab es denn, Herr Dr. Golletz?

— Golletz: Wir haben 2018 unser Offshore-Projekt Ostwind 1 fertiggestellt. Die Windparkanbindung befindet sich im Testbetrieb. Der spanische Windparkbetreiber Iberdrola konnte Ende Oktober 2018 seinen Windpark komplett ans Netz bringen. Und auch der zweite Windpark in unserem Ostwind-1-Anschluss, der E.ON-Windpark Arkona, geht 2019 in Betrieb. Für das nächste Anschlussprojekt Ostwind 2 sind die Kabel bereits bestellt. Zeitlich haben wir damit die Voraussetzungen geschaffen, die erwarteten Termine für die Inbetriebnahmen sicherzustellen. Insgesamt, glaube ich, sind wir bei der Offshore-Technologie aus den Kinderschuhen herausgewachsen. Alle Beteiligten haben eine beachtliche Lernkurve durchlaufen. Das zeigt sich bei der eingesetzten Technik, genauerer Planung und erprobten Prozessen. Und wir haben unseren Teil dazu beigetragen.

Und welche Fortschritte hat der Netzausbau an Land gemacht?

— Golletz: Auch da waren wir gut unterwegs: Für die Kabel der Gleichstromverbindung SuedOstLink haben wir gemeinsam mit unserem Projektpartner TenneT den Einkaufsprozess bereits begonnen; die Kabel sind ausgeschrieben. Wir zielen dabei auf den Einsatz von neu entwickelten 525-kV-Kabeln, für die gerade der Präqualifikationstest vielversprechend verläuft. Stichwort „fertiggestellt“: Da können wir 2018 einige Projekte aufzählen. Mit der Inbetriebnahme unseres Innovationsprojektes compactLine haben wir die Pilotphase für diese besonders raumsparende Höchstspannungs-Freileitung gestartet. An den Grenzen zu Polen und Tschechien sind nun Phasenschiebertransformatoren am Netz, mit denen wir die grenzüberschreitenden Stromflüsse effizient steuern können.

Wie sinnvoll Netzausbau ist, zeigen unsere deutlich gesunkenen Ausgaben für Engpassmanagement. Ganz konkret sehen wir das am Beispiel der Südwest-Kuppelleitung, die seit Ende 2015 Strom führt: Bis Ende Dezember 2018 konnten schon rund 465 Millionen Euro Redispatch-Kosten vermieden werden – und das obwohl ständig Erneuerbare Energien zugebaut wurden. Zum Vergleich: Planung und Bau der Leitung haben 320 Millionen Euro gekostet.

Boris Schucht, Sie haben es erwähnt, ab 2019 beginnt eine neue Regulierungsperiode. Was bedeutet das genau für 50Hertz?

— Schucht: In der Anreizregulierung werden alle fünf Jahre anhand eines sogenannten Basisjahres die Rahmenbedingungen für die nächste Regulierungsperiode festgelegt. Dabei erfolgen eine Kostenprüfung und ein Benchmarking. Es freut mich besonders, dass 50Hertz wie schon vor fünf Jahren erneut als 100 Prozent effizienter Netzbetreiber aus dem Vergleich hervorging. Das ist ein großer Erfolg für alle Kolleginnen und Kollegen. Denn gerade in den letzten Jahren haben wir besondere Anstrengungen unternommen und ein umfassendes Effizienzprojekt durchgeführt, das nun Früchte getragen hat. Allerdings hat der Gesetzgeber auch einige regulatorische Rahmenbedingungen für Übertragungsnetzbetreiber geändert, die uns noch nicht vollständig zufriedenstellen. Deswegen gibt es noch den ein oder anderen Klärungsbedarf. In Summe werden wir die Investitionen der nächsten fünf Jahre aber finanziell stemmen können.

Welche großen Investitionen sind denn gemeint?

— Golletz: Die Uckermarkleitung, der östliche Teil des Berliner Nordringes, die Leitung Perleberg – Stendal West sind nur einige Beispiele an großen Freileitungs-Projekten in den nächsten Jahren. Bei den Umspannwerken wird es um Erweiterungen bestehender Standorte, aber auch Neubauten wie zum Beispiel das Umspannwerk Altdöbern gehen. Und wenn wir auf die Kabelprojekte schauen, sind natürlich der SuedostLink und die Verlängerung des Berliner Kabeltunnels unsere Schwerpunkte in den kommenden Jahren. Eines aber dürfen wir nicht vergessen: Unsere Projekte sind nur umsetzbar, wenn wir vor Ort Verständnis erreichen und gut mit den Landesbehörden und Gemeinden zusammenarbeiten. Wir beteiligen die Bürgerinnen und Bürger in den Regionen deshalb frühzeitig. Diese Zeit müssen und werden wir uns nehmen.

Und wie geht es nach den konkreten Projekten weiter mit dem ­Netzausbau im 50Hertz-Gebiet?

— Schucht: Der wesentliche Treiber für den Netzausbau ist ja weiter­hin der Ausbau der Erneuerbaren Energien. Im 50Hertz-Gebiet haben wir wieder ein Rekordjahr hinter uns. Im vergangenen Jahr wurden rechnerisch bereits 56,5 Prozent des Stromverbrauches durch Erneuerbare Energien gedeckt. Zu Spitzenzeiten schaffen wir es schon, über 15.000 MW Wind sicher ins System zu integrieren – das ist etwa so viel Strom, wie von 15 großen Kraftwerken produziert wird. Das bundesdeutsche politische Ziel eines Erneuerbaren-Anteils von 65 Prozent bis 2030 wird im 50Hertz-Netzgebiet nach unseren Prognosen bereits im Jahr 2021 erreicht.

Herr Golletz, wenn Sie einen Blick in die weitere Zukunft werfen könnten: Was sehen Sie für das 50Hertz-Netz?

— Golletz: Nun, wir werden sicherlich nicht mehr die letzte Kilowattstunde über das Stromnetz transportieren. Stichwort Power-to-X und die Frage: Wie speichern wir in erzeugungsstarken Zeiten den überschüssigen grünen Strom? Die Power-to-Gas- beziehungsweise Power-to-Liquid-Technologien scheinen aus heutiger Sicht die erfolgversprechendsten zu sein. Um künftig in windarmen Zeiten Strom bereitstellen zu können, brauchen wir mit erneuerbarem Strom synthetisch hergestellte Gase oder Kraftstoffe. Es ist ja derzeit auch die politische Intention, für solche Speicher-Entwicklungen einen ersten gesetzlichen Rahmen zu schaffen und hierfür bis 2030 sogenannte Reallabore zu errichten, in denen dann unter echten Bedingungen getestet wird, welche Technologie sich am besten eignet. Wir sehen den Bedarf für Power-to-Gas-Anlagen langfristig in einer Größenordnung von 15 Gigawatt (GW). Das ist wichtig, denn auch in der fernen Zukunft werden wir für kalte, windstille Tage Gaskraftwerke brauchen – die dann eben zum großen Teil mit synthetischen Gasen betrieben werden. Darüber hinaus wird es auch viele Power-to-Heat-Kapazitäten geben. Fest steht jedenfalls: Wir werden sehr viel mehr Innovationen und Netzoptimierung sehen als heute.

Ist die zukünftige Energie­landschaft dann zentral oder dezentral?

— Schucht: Sie ist beides. Wir sehen, dass die Photovoltaik aus heutiger Sicht Kosten- und deutliche Akzeptanzvorteile hat. Der Zuwachs an Erneuerbaren Energien wird stärker durch Photovoltaik als durch Windkraft entstehen. Beim Wind wiederum wird Offshore-Wind eine größere Rolle spielen, denn der Ausbau an Land wird irgendwann durch Akzeptanzgrenzen limitiert sein. Photovoltaik ist per se dezentral. Wir sehen heute schon, dass viele der Solarstromanlagen zusammen mit einem lokalen Batteriespeicher gebaut werden. Das wird bis zum Jahr 2050 eine sehr übliche Kombination sein. In laufenden Studien sind wir deswegen davon ausgegangen, dass zu diesem Zeitpunkt ungefähr 40 GW Batteriespeicher installiert sein werden – und das dezentral. Trotzdem zeigen die Untersuchungen auch, dass der Stromverbrauch und die Stromerzeugung sowohl zeitlich als auch regional sehr viel weiter auseinanderliegen werden, als wir das bisher kannten. Darum brauchen wir auch weiterhin eine sehr starke, wenn man so will, „zentrale“ Netzinfrastruktur, um eine effiziente Stromversorgung in Deutschland und ganz Europa sicherzustellen – für die Menschen, die hier leben, genauso wie für die Industrie.

Das alles können Übertragungsnetzbetreiber nicht alleine schaffen. Was uns zur Frage bringt: Wie lief es 2018 mit den Verteilnetzbetreibern?

— Golletz: Eines ist doch klar: Die Anforderungen der Energiewende werden wir nur erfolgreich meistern, wenn wir sehr eng zusammenarbeiten – mit sämtlichen relevanten Stakeholdern. Für uns ist die enge Kooperation mit den Verteilnetzbetreibern von besonderer Bedeutung, um das System gemeinsam und kontinuierlich für einen höheren Anteil an Erneuerbaren Energien auszubauen. Ein Thema, das uns derzeit besonders beschäftigt, ist das Erschließen der vorhandenen Flexibilitäten von großen Kunden und kleinen Erzeugern für den Markt. Die Frage ist, wie wir das vernünftig und gemeinsam hinbekommen. Da sind wir mit den Verteilnetzbetreibern unserer Region auf einem guten Weg. Und das soll auch in Zukunft so bleiben – das ist mir ein ganz persönliches Anliegen.

Lassen Sie uns abschließend einen Blick nach innen werfen. Wie bereitet sich 50Hertz auf die anstehenden Aufgaben vor?

— Golletz: Das hat eine internationale und eine regionale Komponente. Innerhalb der internationalen Elia Group werden wir von 50Hertz unseren Beitrag leisten, um als starke Gruppe von Übertragungsnetzbetreibern im internationalen Umfeld aufzutreten. Auf regionaler Ebene haben wir, um das Netz der Zukunft auch in vielen Jahren noch effizient betreiben zu können, unser Standortkonzept der Fläche auf den Prüfstand gestellt. Unsere Regionalzentren sind in der Folge mit Servicepunkten derart im gesamten Netzgebiet – Ostdeutschland, Hamburg und Berlin – verteilt, dass dies auf lange Sicht exakt zur räumlichen Verteilung unserer technischen Anlagen passt. Und für präzise Planungen und schnelle Abstimmungen haben wir für das Großprojekt SuedOstLink einen eigenen Projektbereich im Unternehmen geschaffen. Mit dieser Struktur stehen die notwendigen Ressourcen und Prozesse bereit. Hinsichtlich der Arbeitssicherheit war 2018 für 50Hertz auch ein gutes Jahr. Eigene und Unfälle von Fremdfirmen sind zurückgegangen. Doch wir können uns noch weiter verbessern und haben mit „gib8“ eine Kampagne gestartet, um alle Kolleginnen und Kollegen sowohl bei uns im Unternehmen als auch bei unseren Auftragnehmern weiter für potenzielle Gefahren zu sensibilisieren. Dabei freue ich mich auf die Zusammenarbeit mit unserer neuen Arbeitsdirektorin Sylvia Borcherding, die seit Januar 2019 auch für die Arbeitssicherheit bei 50Hertz verantwortlich ist.

Mit einem starken Management-­Team und einer herausragenden, motivierten Belegschaft werden­ wir auch im Jahr 2019 unser Engagement fortsetzen – für eine erfolgreiche Energiewende, in einer nachhaltigen Welt.