Nachhaltigkeitsbericht

Naturschutz und Artenvielfalt

GRI 304-1, GRI 304-2, GRI 304-3, G4-EUS-DMA Biodiversity, G4-EUS-EN12, G4-EUS-EN13, SDG12

Für die Entwicklung großer Infrastrukturprojekte gelten gesetzliche Vorgaben für den Schutz der Umwelt und die Kompensation unvermeidbarer Eingriffe in den Lebensraum von Menschen, Tieren und Pflanzen. Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen richtig in den Planungsprozess zu integrieren und im partnerschaftlichen Dialog mit lokalen Stakeholdern zu entwickeln, ist das Ziel von 50Hertz.

50Hertz verfolgt den Grundsatz, den Einfluss auf die Natur und eine Einschränkung der biologischen Vielfalt so gering wie möglich zu halten. Bei der Planung von Projekten wird im Rahmen von Genehmigungsverfahren nicht nur auf die Wirtschaftlichkeit, die Belange der Bevölkerung oder die Technik geachtet, sondern stets auch der Schutz von Flora und Fauna berücksichtigt. Im Vorfeld solcher Verfahren finden Umweltverträglichkeitsprüfungen statt, um frühzeitig Konflikte im naturschutzfachlichen Bereich zu minimieren. Anschließend wird ein entsprechender Korridor ermittelt, in dem in einem weiteren Schritt der genaue Verlauf der Leitung verortet und festgelegt wird. Dabei werden auch Schutz- sowie Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen identifiziert. All diese Untersuchungen werden gemeinsam mit externen Umweltplanern, Trassierungsexperten und gegebenenfalls mit weiteren Spezialisten aus Wissenschaft und Naturschutz durchgeführt. Erst wenn dieser Gesamtprozess durchlaufen ist, kommt es zum Bauvorhaben – einschließlich externer ökologischer Baubegleitung. Baustelleneinrichtungen und Bauablauf werden so umgesetzt, dass auch die vorübergehenden Beeinträchtigungen der Natur minimiert, naturschutzrelevante Fristen und Vorgaben frühzeitig berücksichtigt und die im Auftrag von 50Hertz ausführenden Unternehmen für die ökologischen Aspekte ihres Handelns verpflichtet werden. Im Anschluss an die Maßnahme wird eine abschließende Prüfung durchgeführt.

Laut BNatSchG besteht die Verpflichtung, vermeidbare Beeinträchtigungen von Natur und Landschaft zu unterlassen bzw. so gering wie möglich zu halten (Vermeidungs- und Minimierungsgebot). Wo immer es sinnvoll ist, werden Leitungen mit bereits existierenden Freileitungen und anderen Infrastrukturen wie Bahntrassen und Autobahnen zusammengelegt und gebündelt. Um das Landschaftsbild nicht unnötig zu beeinträchtigen, werden die Strecken den Gegebenheiten der Landschaft angepasst.

Karte der Schutzzonen im 50Hertz-Netzgebiet Im 50Hertz-Netzgebiet gibt es viele unterschiedliche Schutzzonen, die in einem Kataster erfasst sind. In der Grafik sind die FFH-Schutzgebiete, Nationalparks und Biosphärenreservate dargestellt. Darüber hinaus befinden sich im Netzgebiet zum Beispiel auch viele Vogelschutzgebiete, deren Schutz beim Bau einer Leitung berücksichtigt wird.

Dr. Danuta Kneipp, Leiterin Öffentlichkeits­beteiligung

„Unsere Infrastrukturen verändern die Landschaft und die Natur. Wir möchten diese Eingriffe so gering wie möglich halten und einen Ausgleich für das schaffen, was sich nicht vermeiden lässt. Dabei setzen wir auf den Dialog mit den Menschen vor Ort, um nachhaltige Maßnahmen gemeinsam zu entwickeln. Dazu gehören auch regional verankerte Ökopools, die wir gemeinsam mit lokalen Organisationen ausgestalten, um so zu wirkungsvollen, zusammenhängenden Kompensationsmaßnahmen zu gelangen. Durch Kooperationen erweitern wir die Möglichkeiten und den Wirkungsrahmen.“

Dr. Danuta Kneipp – Leiterin Öffentlichkeits­beteiligung

Kompensationsmaßnahmen

 

710


Kompensationsmaßnahmen wurden 2018 von 50Hertz
durchgeführt, um Auswirkungen auf Umwelt und Artenvielfalt
so gering wie möglich zu halten.

Wo Eingriffe unvermeidbar sind, nimmt 50Hertz Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen vor. Diese lassen sich in sechs Kategorien einteilen: Pflanzmaßnahmen, Forstmaßnahmen, wasserbauliche Maßnahmen, Artenschutz, Rückbaumaßnahmen und sonstige Maßnahmen. Bei der Planung und Umsetzung von Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen gilt für 50Hertz der Grundsatz, die betroffenen Gemeinden, Naturschutzbehörden, interessierte Bürger und Nichtregierungsorganisationen frühzeitig einzubinden. Im partnerschaftlichen Miteinander erarbeitet 50Hertz frühzeitig geeignete Vorhaben und schlägt diese im Zuge der Genehmigungsplanungen den Behörden vor. Immer öfter kommen dabei regionale Öko-Pools zum Tragen. Öko-Pools sind Beteiligungen an Projekten anderer Organisationen sowie Ausgleichszahlungen, die umfassendere Maßnahmen als einzelne Ersatzpflanzungen ermöglichen und dadurch wirksamer, effizienter sowie nachhaltiger sind. Im Jahr 2017 hat 50Hertz einen Leitfaden für ein zielgerichtetes Kompensationsmanagement verabschiedet. Er definiert die Handlungsfelder, die zur erfolgreichen Zulassung und Umsetzung der Maßnahmen nötig sind. Alle zwei Monate tagt eine interne Bewertungskommission, die über die Maßnahmen entscheidet. Die ausgewählten Maßnahmen werden in einem Liegenschaftskataster erfasst. Derzeit befinden sich 292 Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen im 50Hertz-Netzgebiet in Planung sowie 418 in Realisierung und Unterhalt. Somit hat sich die Gesamtanzahl der Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen von 630 im Jahr 2017 auf 710 im Berichtsjahr erhöht.

Beispiele für Kompensationsmaßnahmen


Pflanzmaßnahmen

Anpflanzungen von Baumalleen und -reihen, Hecken, Anlegen von Streuobstwiesen

Forstmaßnahmen

Waldumbau, Erstaufforstungen

Wasserbauliche Maßnahmen

Teichrenaturierung, begradigte Flussläufe in Ursprungszustand versetzen, Anlage von Kleingewässern, Denaturierung von Fließ- und Stillgewässern

 
Sonstige

Verkabelung von Mittelspannungsleitungen

Rückbaumaßnahmen

Entsiegelungen, Rückbau von Gebäuden in Außenbereichen von Gemeinden

Artenschutz

Bau von Amphibienschutzanlagen, Nisthilfen, Fledermausquartieren, Reptilienlebensräumen, Artenschutztürmen

Projekte für Biodiversität und Ökopool-Partnerschaften

Im Jahr 2018 entwickelten wir einen ökologischen Ansatz, um die Entwicklung von Ökopools in unserer Region durch langjährige Partnerschaften zu fördern. Solche Ökopools können vielfältige ökologische Dimensionen kombinieren, um Ökosysteme mit Fauna und Flora zu bereichern. Mit Blick auf die Offshore-Entwicklung an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns hat 50Hertz auch maritime Projekte durchgeführt, beispielsweise die Beseitigung eines großen, künstlichen Damms in der Ostsee, der den Wasserfluss blockierte und zu einer schädlichen Sedimentation führte. 50Hertz initiierte mit dem WWF auch die Entwicklung eines Ansatzes zur Rekonstruktion von Riffen im Ostseeraum.

Südwest-Kuppelleitung: Biotop geschützt

Die Kaiserwiese im Ilmkreis in Thüringen ist die Heimat vieler geschützter Pflanzen und Insekten. 50Hertz unterstützt die Region bei der Sicherung und Aufwertung dieses wichtigen Naturerbes, das unter dem Schutz der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie steht. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Wiese eine Abwurfzone für Fliegerbomben. Das notwendige jährliche Mähen im Herbst war nur unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und hohem Aufwand möglich. Gemeinsam mit der Unteren Naturschutzbehörde will 50Hertz die notwendige Pflege für den wichtigen Lebensraum heimischer Pflanzen- und Insektenarten organisieren.

Vier Personen bei einer Begutachtung der Kaiserwiese. Südwest-Kuppelleitung: Sicherungsmaßnahmen auf der Kaiserwiese.

Ökologisches Schneisenmanagement

Um eine Freileitung in Waldgebieten zu bauen, werden in der Regel Schneisen angelegt. Die Leiterseile brauchen wegen der notwendigen Sicherheitsabstände genügend Freiraum zu den Seiten und zum Boden. Auf den Schneisen müssen deshalb abschnittsweise und regelmäßig Bäume entfernt werden. Bäume und Sträucher bieten jedoch Lebensräume für zahlreiche Tiere und Pflanzen. Deshalb ist das Ziel von 50Hertz, diese Naturräume langfristig so wenig wie möglich zu beeinträchtigen und die Biodiversität unter den Leitungen zu erhöhen. Mit dem bereits 2010 in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Erfurt entwickelten „Ökologischen Schneisenmanagement“ (ÖSM) wird eine vorausschauende, eingriffsminimierende und ökologisch verträgliche Trassenplanung und -bewirtschaftung betrieben: Die Schneise unter einer Freileitung wird unter Berücksichtigung des sicheren Betriebs so gestaltet, dass dort wieder natürliche Habitate entstehen. Im Projektablauf entwickelt sich so eine biologisch diverse und wertvolle Schneise. 50Hertz wendet das ÖSM pflichtgemäß auf Neubautrassen an und darüber hinaus auf freiwilliger Basis bei Bestandstrassen.

  Maßnahmen Fläche in Hektar
1 Waldrand Kölziner Tannen 1,8 ha
2 Ökokonto Suckower Tannen 14 ha
3 Wildacker Bienenweide Schönwalde 5,6 ha
4 Biotoppflege NABU-Fläche 1,9 ha
5 Waldrand Ökokonto Hohenzieritz 2,5 ha
6 Waldrandgestaltung Streuobstwiese Satow 9,8 ha
7 Beweidung Mahlpfuhler Fenn 6 ha
8 Hohenbelliner Hecken 6 ha
9 NABU-Projekt Marzahner Fenn 1,8 ha
10 Biotoppflege Stadtwald Altlandsberg 25 ha
11 Wildblumenwiese Külsoer Mühle 0,4 ha
12 Waldrand Teiche Rochhauer Heide 13 ha
13 Waldränder Döbbener Heide 12,6 ha
14 Biotoppflege Landschaftsschutzgebiet Harz 3,2 ha
15 Pilotstrecke Hummelshain 9,1 ha
16 Pilotstrecke Oberweißbach 1,8 ha
17 Biotopgestaltung Ruppersdorf 1 ha
18  Hangbepflanzung Burkhardtsdorf 0,3 ha
19 Probefläche Wiesensaat
0,5 ha
 = 116,3 ha

Vogelschutz

Höchstspannungsleitungen beeinträchtigen die Vogelwelt. Deshalb unternimmt 50Hertz auch beim Vogelschutz große Anstrengungen zur Minimierung negativer Auswirkungen. Bei Leitungsbauprojekten wurde eine neue artenspezifische Methode zur systematischen Ermittlung der Auswirkungen auf den Artenbestand 2017 entwickelt, um zielgerechtere Vorsorge- und Kompensationsmaßnahmen identifizieren zu können. Die Anbringung von 30 km Vogelschutzmarkern im Bestandsnetz war für 2018 vorgesehen. Aufgrund eines Unfalls im Berichtsjahr wurde die Anbringung bis zur Klärung des Unfallhergangs und der Entwicklung einer Unfallvermeidungsstrategie ausgesetzt. Die weitere Anbringung von Vogelschutzmarkern wird im Jahr 2019 wie geplant fortgesetzt. Weiterhin unterstützt 50Hertz im Rahmen der „Renewables Grid Initiative“ den Aufbau der Hotline Vogelfund und Stromleitung des Naturschutzbunds Deutschland (NABU) aktiv. Eine Vergleichsstudie zur Wirksamkeit von Spiral- und Klappenmarkern wurde durchgeführt und zudem Kameras an zwei Spannfeldern des Stromnetzes in einem Vogelschutzgebiet angebracht. All diese Maßnahmen und Projekte dienen dazu, zukünftig besser Kollisionen an solchen Orten vorbeugen zu können.

Verbesserung der Vogelschutzrichtlinie

Freileitungen können gefährlich für Vögel sein. Neben konkreten Maßnahmen zum Schutz von Vogelarten (zum Beispiel Nisthilfen auf Masten, Vogelgehege für Raubvögel) installierte 50Hertz 2018 zusätzliche Vogelschutzmarkierungen an speziell ausgewählten Stellen des Stromnetzes. Im Rahmen von RGI entwickelte das Unternehmen das Projekt des Naturschutz Deutschland e. V. für eine deutschlandweite "Vogelfund und Stromleitung"-Hotline weiter. Mit dieser ersten spezialisierten Hotline ihrer Art lassen sich systematisch präzise Informationen über die Auswirkungen von Freileitungen auf Vögel zusammentragen.

Bild: Ringe für Wanderfalkennachwuchs. Die geschützten Raubvögel haben ihr Nest auf einem 50Hertz-Freileitungsmast.

compactLine

Ein weiterer Schritt zur konsequenten Reduktion von Eingriffen in die Umwelt ist die Entwicklung des Mast-Designs „compactLine“. Geringere Masthöhen, schmalere Trassen und ein Vollwandmast mit kleinerem Umfang zeichnen dieses innovative Forschungs- und Entwicklungsprojekt aus. Es soll in Zukunft ermöglichen, in sensiblen Bereichen den Landschafts- und Natureingriff durch Freileitungen zu reduzieren. Die kompakte Bauweise bietet eine gute Möglichkeit der Integration einer neuen 380-kV-Leitung in Abschnitte bestehender 220-kV-Trassen. Im August 2018 ist eine etwa zwei Kilometer lange Pilotleitung in den Testbetrieb gegangen.

Strommast der compactLine Netzanschluss Jessen/Nord im neuen Mastdesign der compactLine.

 

Joachim Löbe, Leiter Projekte Leitungen

„Der Bau einer Pilot­leitung mit einem völlig neuen Freileitungskonzept stellt alle Beteiligten vor vielfältige Herausforderungen. Bevor wir den sicheren Betrieb der neuen Leitung testen konnten, mussten viele Neuentwicklungen erstmalig in der Praxis umgesetzt werden. ­So erforderte das neue Leitungsspannsystem aufgrund der hohen Zugkräfte nicht nur spezielle Anpassungen, sondern auch eine besondere Ausrüstung zur Installation.“

Joachim Löbe – Leiter Projekte Leitungen